Donnerstag, 11. August 2016

Krankheitsbild chronische Patellaluxation




Patellaluxation - Verrenkung der Kniescheibe


Heute möchte ich meinen Lesern dieses Blogs auch mal ein ernsteres Thema nahe bringen. 

Was passiert bei der Patellaluxation?

Das Kniegelenk

Röntgenaufnahme eines gesunden Kniegelenks 

Das Kniegelenk ermöglicht die Beugung und Streckung des Unterschenkels. Es besteht aus zwei Gelenken, dem Kniekehlgelenk und dem Kniescheibengelenk. Das untere Ende des Oberschenkelknochens bildet dabei vorn eine Rinne, in der die Kniescheibe gleiten kann. Sie fährt wie ein Schlitten auf uns ab und legt zwischen Beugung und Streckung des Unterschenkels eine Strecke von fast 10 Zentimetern zurück. Die Aufgabe der Patella ist es, die Kraftwirkung des Oberschenkelmuskels zu verstärken. Ohne Kniescheibe hätten wir große Probleme unsere Unterschenkel zu strecken und müssten dafür viel mehr Kraft aufwenden. Die Patella (Kniescheibe) wird vom Oberschenkelmuskel, einem sehnigen Faserring (Retinaculum) und von einer kräftigen Sehne am Unterschenkelknochen (Patellasehne) in ihrer Position gehalten. Wenn eines der Bänder oder Teile des Oberschenkelmuskels zu stark oder zu schwach ausgebildet ist, entsteht ein biomechanisches Ungleichgewicht und die Patella kann seitlich aus ihrer Rinne herausrutschen. 

Seit nun mehr als 15 Jahren begleitet mich diese chronische Erkrankung. Ausgelöst durch eine angeborene Fehlbildung beider Kniegelenke, kommt es beidseits immer wieder dazu, dass mir die Kniescheiben aus der Gelenkpfanne springen. Verbunden ist das Ganze mit massiven Schmerzen und leider auch großflächigen Schäden wie Bänderabrisse, Knorpel- sowie Knochenabsplitterungen. Dementsprechend, muss ich mich häufiger als so manch anderer Operationen unterziehen. Zuletzt geschehen im Januar 2016.

Ich werde hier bewusst keine Bilder nach der OP einstellen, da ich hier Niemanden solche Bilder zumuten möchte denn nicht Jeder kann sich sowas ansehen. Was bringt mich dazu, überhaupt über die Erkrankung zu schreiben? Nun, ich weiß, dass ich mit diesem Krankheitsbild nicht alleine bin und ich möchte hier ein wenig über meinen bisherigen Weg und den Umgang mit den täglichen Herausforderungen berichten. Der Eine oder Andere findet sich vielleicht in den Erzählungen wieder. 

Röntgenaufnahme Patellaluxation nach außen

Im Lebensalter von 13 Jahren hat es angefangen mit den Luxationen zunächst im rechten Kniegelenk. Später kam dann noch das linke Knie dazu. Mittlerweile im Alter von 32 Jahren bin ich bei Operation Nummer 6 angelangt. Nach einer durchgeführten MPFL-Plastik mit Grazillessehnensetzung und Tuberositasversetzung war eine Reha bitter nötig. Die Luxationen sind auch nach den vielen Operationen nicht ganz zu beheben, eine Heilung wird nie möglich sein, aber man kann dennoch selbst viel zur Verbesserung der Mobilität und Schmerzreduktion beitragen. 

Das ist allerdings nicht immer einfach, es bedeutet, hart an sich zu arbeiten, die Zähne zusammen zu beißen und für sich die bestmöglichen Tipps und Tricks für den Alltag an zu eignen. Der Mensch neigt dazu, sich bei Schmerz zu schonen, doch ist dies nicht immer das Mittel erster Wahl. Arthrose z.B. ist der Gelenkverschleiß, der normalerweise erst mit hohem Alter auftauchen sollte. Durch die häufigen Luxationen ist es aber bei mir schon soweit, was die Schmerzsymptomatik noch
verschlimmert. Außerdem fordern eine lange Liegezeit und fehlende Mobilität ihren Tribut. Die Beugung ist nach wie vor eingeschränkt. Ich roste ein. Werde unbeweglicher und bin auch Belastungen nicht mehr gewohnt. 

Was also kann man zur Verbesserung tun?

Physiotherapie! Bewegung! Rehasport! Ernährung! Nichts ist schlimmer als Stillstand! Ruhe ich mich zu sehr aus, schone ich mich zu oft, werde ich niemals mehr Stabilität im Gelenk erreichen. Und die brauche ich dringend! Muskelaufbautraining ist sehr wichtig um Grundstabilität im gesamten Körper zu erreichen, der zusätzlich das Kniegelenk stützt und somit zumindest eine solide Basis schafft. Das Interessante und Wichtige ist die Erkenntnis: Gegen den Schmerz arbeiten schafft auf Dauer Schmerzlinderung! Dies muss allerdings mit professioneller Unterstützung wohl dosiert trainiert werden. Ich kann mit dieser Erkrankung nicht den Sport treiben, wie es ein gesunder Mensch kann!  Selbst das Schuhwerk spielt eine große Rolle. Joggen ist nur ein Beispiel, was den Zustand noch verschlimmern würde. Schweres Heben ist nur eingeschränkt möglich. Treppensteigen, in die Hocke gehen oder auf den Knien sitzen, sind alles Dinge im Alltag, die ich durch die Schädigungen in den Kniegelenken nicht oder nur eingeschränkt ausüben kann. Manches muss ich so hinnehmen, gegen andere Defizite kann ich arbeiten. Zusätzlich achte ich auf eine nährstoffreiche Ernährung. Die Muskeln und Knochen müssen genauso gut versorgt sein wie Bänder und Sehnen. Die Durchblutung ist sehr wichtig und auch das Lymphsystem muss überschüssige Flüssigkeit abbauen können. 

Probleme des Alltags!

Im täglichen Leben muss ich mich immer wieder neu organisieren. Habe ich einen guten Tag ohne Schmerzen und Instabilität, kann ich genauso Ausflüge machen wie alle anderen auch. Habe Spaß am Sport und Bewegung und schaffe es, den Haushalt zu führen. An den anderen Tagen habe ich nicht nur mit den körperlichen Symptomen zu kämpfen. Auch die psychischen Belastungen nehmen zu. Wenn ich oft Ausfalle in der Arbeit bekomme ich wieder Ärger wegen Fehlzeiten. Die Genesungsphasen sind unendlich lange, bis zu einem Jahr! In dieser Zeit hat man auch Ängste. Wie weit kann ich wieder genesen? Kann ich weiterhin meiner aktuellen Arbeit nachgehen? Halte ich es durch, schon wieder kämpfen zu müssen? Die Angst vor einer erneuten Luxation ist allgegenwärtig und diese immer weg zu schieben ist auch nicht einfach. Manchmal hadere ich auch mit meinem Schicksal. Im Übrigen möchte ich erwähnen, dass es mir als Betroffene absolut NICHT hilft, wenn man mir erklärt, dass es anderen Menschen viel schlimmer geht als mir. Ich versuche so gut wie möglich das Glas halb voll zu machen anstatt halb leer. Jedoch gelingt mir das auch nicht jeden Tag. Durch die Schmerzen und Traumata, entsteht ein zusätzliches Krankheitsbild: Die Depression!

Dazu fällt mir auch ein passender Spruch ein: "Warum hast du Depressionen, das Leben ist doch so schön! Warum hast du Asthma? Es gibt doch genug Luft zum Atmen!"

Ursache und Wirkung. Der ständige Kampf um den Erhalt der Fähigkeit - des Gehens schlägt auch aufs Gemüt. Es gibt Tage an denen ich einfach aufgeben und mich meinem Schicksal ergeben möchte. Wenn Krankenkassen und Rentenversicherungsträger einen nicht ernst nehmen und dringend benötigte Hilfsmittel und Maßnahmen ablehnen, weil sie glauben den Gesundheitszustand beurteilen zu können, wird der Kampf richtig schwer. Genauso, wenn es kaum Arbeitgeber gibt, die eine derartige Schwerbehinderung akzeptieren. Die Lücken im Lebenslauf lassen sich nicht immer verstecken. Das Verständnis ist nicht immer da in der Gesellschaft! Ich kann auch nicht jeden Tag fröhlich durch die Gegend springen, ABER: Dennoch muss ich das Beste aus der Situation herausholen! Die Angst lähmt mich! Sie macht übervorsichtig und blockiert den Geist! Es gilt immer wieder den Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Kraftlosigkeit zu durchbrechen. Das macht man nicht mal eben so! Dazu braucht es viel Energie. Zusätzlich muss ich auch die Fähigkeit besitzen, mein Leben zu verändern bzw. anzupassen, sollte es die Krankheit erfordern, ob das nun ein Arbeitsplatzwechsel ist oder gewisse Aktivitäten aufgeben zu müssen... 

"Es ist keine Schande zu fallen, aber nicht mehr auf zu stehen schon!"

Das schaffe ich vor allem mit der Unterstützung meiner Familie!! Den richtigen Freunden und Menschen in meiner Umgebung, die mir gut tun! Dafür bin ich SEHR dankbar! Es gibt mir die Kraft, mich den Herausforderungen zu stellen und immer wieder weiter zu machen! Wenn es schon schlimm genug ist, kann es nur besser werden!  

Ich danke Allen, die sich die Zeit genommen haben, das hier durch zu lesen und wünsche Jedem, der auch unter chronischer Patellaluxation mit entsprechendem Rattenschwanz leidet, für sich die beste Lebensqualität heraus zu holen und zu bewahren! 

Bildquelle wikimedia



Kommentare:

  1. Hört sich ja echt schlimm an kann es sein das du vielleicht gar nicht mehr laufen kannst?

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    1. Doch doch Joni, das Laufen geht schon! Ich werde aber halt immer mal darin "unterbrochen" und dann laufe ich eben nicht mehr selbstständig, sondern lange Zeit auf Krücken.

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