Freitag, 4. November 2016

Autoreninterview - Sabine Kruber



Autoreninterview - Sabine Kruber

Diplom-Sprachheilpädagogin und Autorin

Das Treffen mit Sabine Kruber auf der FBM war toll


Internetpräsenz: 



Magst du dich den Lesern meines Blogs erstmal vorstellen?

Sabine Kruber: Sehr gerne, ich heiße Sabine Kruber. Lesen und Schreiben sind mein Leben. Mit meinem Mann lebe ich in Kempen am Niederrhein, wo ich auch meine Praxis für Legasthenietherapie habe. Hier helfe ich Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Ich bin Diplom-Sprachheilpädagogin und habe früher in sprachtherapeutischen Praxen und einem Kindergarten als Sprachtherapeutin gearbeitet, bevor ich mich mit der Legasthenietherapie selbstständig gemacht habe. 

Ja, und ich schreibe natürlich auch selber waaaahnsinnig gerne. Leon Reed – Zack ins Abenteuer ist mein erstes Buch, das in einem Verlag erschienen ist. Im Netz findet Ihr außerdem noch einige Kurzgeschichten und Erstlesetexte von mir. 

Wenn ich nicht gerade schreibe oder lese, musiziere ich auch noch sehr gerne. Ich spiele seit meiner Kindheit Mandoline und seit kurzem auch Mandola im Mandolinenorchester Hüls 1922 e.V. in Krefeld. Außerdem treibe ich mich mit meinem Mann (Akkordeon) viel in Sachen Folkmusik herum.  

Du hast eine eigene legasthenietherapeutische Praxis. „Ursachenorientierte Förderung anstatt symptomorientierter Nachhilfe“ lautet hier dein Motto. Kannst du das genauer erklären?

Sabine Kruber: Es gibt verschiedene Ursachen, warum ein Mensch Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. Im einfachsten Fall reicht ein wenig Nachhilfe aus, weil der Schüler gerade mal einen Durchhänger hat oder krank war und einfach Schulstoff verpasst hat. Ein Schüler lernt zum Beispiel gezielt die Groß- und Kleinschreibung. Das wäre dann symptomorientiert.  

Zu mir kommen aber viele Schüler, denen diese symptomorientierte Förderung nicht hilft. Sie sind z.B. legasthen oder waren in ihrer frühen Kindheit sprachentwicklungsverzögert und/oder haben eine auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung. Dies sind mögliche Ursachen, die ein anderes Herangehen erfordern als bei einer normalen Nachhilfe üblich. Die symptomorientierte Förderung (das Rechtschreibtraining) wird dann z.B. mit einer entsprechenden Wahrnehmungsförderung oder einem gezielten Konzentrationstraining (ursachenorientiert) kombiniert. 

Ich versuche zunächst immer, über eine Diagnose und Anamnese diese möglichen Ursachen zu erfassen. Darauf baue ich dann individuell einen Förderplan auf, nach dem ich mit dem jeweiligen Schüler arbeite.

Was macht für dich deine Arbeit so besonders?

Sabine Kruber: Ich arbeite wahnsinnig gerne mit Menschen und ich liebe das Schreiben und Lesen. In meiner Arbeit kann ich beides miteinander kombinieren. Außerdem ist meine Tätigkeit sehr kreativ. Ich denke mir zum Beispiel oft Spiele für die Förderung aus und schreibe Erstlese- und Fördertexte. Das macht einfach Spaß. Ich kann mich kreativ entfalten und bin meine eigene Chefin. Was will ich mehr? 

Siehst du die Schwächen auch im deutschen Schulsystem?

Sabine Kruber: Je nachdem welche Quelle man heranzieht, haben heute 15-20% der Schüler Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Der Anteil legasthener Menschen liegt aber bei 4-5%. Dies gilt übrigens auch für völlig andere Schriftsysteme wie das Chinesische. 

Unser Schulsystem hat einen großen Anteil an diesen 15-20%. Das fängt schon bei der Lehrerausbildung an. Der Bereich Orthographie ist an den Universitäten unterrepräsentiert. Und nicht nur das, man hat der Rechtschreibung einfach keinen hohen Stellenwert zukommen lassen. Das läuft alles immer so mit. Es liegt also an den Lehramtsstudenten selber, das Problem zu erkennen und sich das Wissen in diesem Bereich selbstständig anzueignen. Das Thema Legasthenie kommt im Studium so gut wie überhaupt nicht vor. 



Die Methodenkompetenz bei Lehrern kann daher also recht unterschiedlich ausfallen. Das führt dann z.B. dazu, dass die Schwächen der bis vor Kurzem stark favorisierten Methode Lesen durch Schreiben/Spracherfahrungsansatz zu wenig erkannt werden, was zur Folge hat, dass Kinder häufig bis zur dritten Klasse schreiben dürfen, wie sie wollen und der Regelerwerb setzt viel zu spät ein. Hier kommt es aber ein Glück langsam zu einem Umdenken.

Das nächste Problem sind dann die Lehrpläne. Auch hier war das Thema Rechtschreibung lange Zeit unterrepräsentiert – und das in der Grundschule. In den letzten Jahren kann man aber ein erhöhtes Problembewusstsein feststellen. Mal sehen, ob das langfristig zu Änderungen im Lehrplan führt.

Nun ja, und dann kommen noch solche wichtigen Punkte wie Lehrerausfall/ Lehrermangel und zu große, sehr heterogene Klassen hinzu. Auf der weiterführenden Schule wird Deutsch außerdem häufig auch noch fachfremd unterrichtet. 

Über das Thema könnte ich mich jetzt noch stundenlang auslassen, was aber den Rahmen dieses Interviews bei Weitem sprengen würde ...

Mit deinem Erstlingswerk „Leon Reed“ hast du eine tolle Geschichte um die Welt der Buchstaben geschaffen. Den Lesern ab 9 Jahren wird auch vermittelt, wie wichtig es ist, Lesen und Schreiben zu lernen. Wie kam die Idee dazu?

Sabine Kruber: Mein Mann und ich tüfteln seit einigen Jahren an einer Analysesoftware, mit der man die Lesbarkeit von Texten ermitteln kann (also wie einfach oder schwer ein Text zu lesen ist). Um dieses System zu testen, benötigen wir natürlich sehr viele Texte, die unterschiedlich schwer sind. Im Zuge dessen habe ich auch selber Testtexte geschrieben. Und so entstand eines Tages die Geschichte von den verschwundenen Buchstaben (vielleicht weil sich bei unserer Software ja auch alles um Buchstaben dreht). Das war am Anfang wirklich ein ganz magerer Testtext, aber die Idee ließ mich einfach nicht mehr los und so entwickelte sich dieser kleine Text langsam aber sicher zu einem richtigen Kinderbuch. 

Klischee oder nicht?! Mädchen lesen lieber als Jungen? Frauen wesentlich mehr als Männer?

Sabine Kruber: Nein, leider kein Klischee. Hierfür gibt es auch mehrere Ursachen. Ein Problem ist, dass Jungs Lesen häufig als weiblich empfinden. Zu Hause liest Mama vor, im Kindergarten die Erzieherin, in der Schule die Lehrerin und in Buchläden und Bibliotheken arbeiten auch überwiegend Frauen. Ein Junge kann sich dann mit dem Lesen nur sehr schwer identifizieren. Hinzu kommt, dass auch die Buchkäufer zu einem großen Teil weiblich sind und Verlage dies natürlich berücksichtigen. Themenauswahl, Protagonisten und auch Covergestaltung sprechen häufig also eher weibliche Käufer/Leser an. Erst in den letzten Jahren scheint es eine Sensibilisierung für diese Problematik zu geben und es entstehen nun z.B. auch Buchreihen speziell für Jungen. 

Ein weiteres Problem ist natürlich, dass das Buch durch die modernen Medien eine starke Konkurrenz erhalten hat. Dies wirkt sich sowohl auf das Leseverhalten männlicher wie auch auf weibliche Leser aus. 

Außerdem hängen Jungen in ihrer Sprachentwicklung tendenziell den Mädchen hinterher, sind auch anfälliger für Sprachstörungen und haben häufiger Probleme beim Lesen und Schreiben. Das sieht man sofort, wenn man in sprachtherapeutischen/ legasthenietherapeutischen Praxen arbeitet. Der Anteil von Jungs ist dort einfach eklatant höher im Vergleich zu den Mädchen. Warum das so ist, darüber streiten sich die Experten. Die einen führen dies auf die Biologie zurück, während die anderen gesellschaftliche Ursachen dafür verantwortlich machen. Ich denke, beide Seiten liegen nicht falsch. 

Was liest du selbst am liebsten?

Sabine Kruber: Krimis und Thriller lese ich sehr gerne. Im Moment lese ich die Flavia de Luce-Reihe von Alan Bradley. Das sind ja eher gemütliche und skurrile Krimis. Ich lese aber auch gerne Val McDermid und Jussi Adler-Olsen. Fantasy lese ich auch, aber da bin ich ziemlich wählerisch. Joanne K. Rowling, Cornelia Funke oder aber auch Das letzte Einhorn von Peter S. Beagle. Und natürlich Kinder- und Jugendbücher. Gerade habe ich Band 1 des magischen Blumenladens von Gina Mayer gelesen. Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness & Siobhan Dowd finde ich auch toll und ziemlich gruselig. Den Film werde ich mir, glaube ich daher nicht ansehen. 

Ich könnte jetzt noch mehrere Dutzend andere tolle Bücher auflisten, das lasse ich aber lieber. (-:

Hast du schon ein neues Projekt in Planung über das du uns berichten kannst?

Sabine Kruber: Ich werkel gerade an einem Comic-Roman. Es wird ein Tierkrimi für Kinder ab 10 Jahren, in dem es um den Mord an zwei sehr berühmten Singvögeln geht. Mir schwebt ein Whodunit vor mit vielen schrägen und lustigen Comiceinlagen. Thematisch geht es also in eine völlig andere Richtung als Leon Reed. 

Was tust du, wenn du mal Ruhe brauchst? Was entspannt dich?

Sabine Kruber: Ganz klar: Musik machen oder aber wandern. 

Gibt es Träume, die noch nicht umgesetzt sind?

Sabine Kruber: Ja, ich habe haufenweise Buchideen in meinem Kopf und Manuskripte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien in meiner Schublade, die jetzt hoffentlich alle das Licht der Welt erblicken dürfen. Ich will in Zukunft auch für Erwachsene schreiben. Ein Anliegen werden mir aber auch immer (allerdings nicht nur) Bücher für kleine und große Erstleser sein. 

Was möchtest du den Lesern zum Schluss noch mit auf den Weg geben?

Sabine Kruber: Lest, was Euch Spaß macht. Wenn Euch ein Buch nicht gefällt, dürft Ihr es auch abbrechen. Anders als in der Schule muss man langweilige Bücher nicht zu Ende lesen. 

Ich danke dir, liebe Sabine Kruber für dieses informative Interview und den tollen Einblick in deine wie ich finde sehr wichtige Arbeit! Für deine weiteren Projekte und auch deine Praxis wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg und persönlich alles Gute! 

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